Wer war Carl Huter ?

Carl Huter ist der Begründer der Psycho-Physiognomik, welche Grundlage für viele Anwendungen und Richtungen der heute praktizierten Menschenkenntnis ist. Er war ein unglaublich vielseitig gebildeter und hochbegabter Mensch, der seine Erkenntnisse aus dem Studium der Natur- und Geisteswissenschaften, und vor allem aus der praktischen Anwendung seines Wissens und seiner Erkenntnisse entwickelte.

 

Annäherung an ein bewegtes, schöpferisches und sehr produktives Leben

 

Werfen wir einen kurzen Blick auf seine Vita. Er wurde 1861 in Heinde bei Hildesheim geboren. Durch den frühen Tod seines Vaters musste er im Alter von sechs Jahren zum Onkel aufs Land ziehen und sollte dort in die Landwirtschaft eingewiesen werden. Für den feinsinnigen Jungen, der sich schon früh für Menschen und ihre unterschiedlichen Charaktere interessierte, war das eine schwere Zeit. Glücklicherweise hatte er einen Lehrer, der seine Hochbegabung erkannte und ihn förderte. Doch aufs Gymnasium durfte er trotz dessen Empfehlung nicht. Huter litt und wurde krank. Er verließ den Hof nach seiner Konfirmation, zog zurück zu seiner Mutter nach Heinde und absolvierte eine Lehre als Porträtmaler mit Auszeichnung. Doch er wollte mehr. Es zog ihn in die großen Städte und zu den Geistes- und Naturwissenschaften. Da er ohne Abitur offiziell nicht studieren konnte, tat er es auf eigene Faust und lernte u.a. bei verschiedenen Meistern und Professoren in Leipzig, Dresden und Berlin. Ihn interessierten die Philosophie, Theologie, die Naturwissenschaften, Medizin und die Psychologie. Außerdem hatte er zeitlebens großes Interesse an Okkultem und beschäftigte sich intensiv mit Spiritualismus.

Immer wieder litt er unter Existenznöten, auch privat hatte er manche Odyssee zu verkraften. So erkrankte Carl Huter mit Ende zwanzig an Halskrebs. Die Schulmedizin konnte ihm nicht helfen, sodass er angewiesen war, sich selbst zu helfen. Er beschäftigte sich mit Naturheilverfahren, gesundete und eignete sich Wissen an, mit dem er auch bei anderen Menschen Heilerfolge erzielte. Seine Feinsinnigkeit und seine sensitive Wahrnehmungsfähigkeit ermöglichten ihm spirituelle Erfahrungen, die ihm immer wieder den Weg wiesen aus vielen Rückschlägen und Krisen. Auch ein Sanatorium, das er mit seiner Frau Henny Pieper Jahre später aufbaute, musste er wieder aufgeben, da seine Kräfte durch gegen ihn angestrengte Prozesse und Widerstände von Neidern und Gegnern aus der Schulmedizin so strapaziert wurden, dass es wieder an der Zeit war, einen neuen Weg einzuschlagen.

Huter als freier Forscher

Huter hatte natürlich immer wieder viele Anhänger, Bewunderer und Unterstützer, die sich auch seinem „Huterschen Bund“ anschlossen. Doch sein unerschrockener, freiheitsliebender Forschergeist und sein Mut, auch gegen gewachsene Strukturen und Hierarchien anzugehen, ließ auch viele sich von ihm abwenden. Auch als anerkannter etablierter Wissenschaftler in einer Fakultät hätte er sich mit vielen Gegebenheiten arrangieren müssen und seinen unabhängigen Forschergeist verloren. So lehnte er u.a den Ruf als Professor an die Universität Wien ab.

Die von Carl Huter 1909-1910 drei Institute,

  • eine freie Hochschule für psychologische Forschung und vergleichende Natur- und Religionswissenschaften,

  • ein psychologisches Untersuchungsinstitut für biologische, psychologische, psychophysiognomische, grafologische und psychometrische Feststellungen und Gutachten, sowie

  • ein psychologisches Museum mit kunstwissenschaftlicher, naturgeschichtlicher und psychologischer Ausrichtung

alle drei musste er vor seinem Tode wieder aufgeben. Er starb 1912 mit 51 Jahren an Herzversagen.

Carl Huter hielt während seines kurzen Lebens über 1000 Vorträge, verfasste vielfältige Schriften zur Menschenkenntnis (für die er den Begriff Psycho-Physiognomik prägte), Heilkunde, Politik, Kultur, Wissenschaft und Zeitgeschichte. Er entwickelte die Kallisophie als Gesellschaftslehre der Schönheit und Weisheit und schrieb von 1904 bis 1907 sein fünfbändiges Hauptwerk der Psycho-Physiognomik – Menschenkenntnis durch Körper-, Seelen- und Gesichtsausdruckskunde auf neuen wissenschaftlichen Grundlagen – und die Naturell-Lehre als Grundlage der praktischen Menschenkenntnis. In diese Werke floss seine ganze Erfahrung aus theoretischem Studium und praktischer Anwendung seines Wissens ein. Durch seine Medialität gelang es ihm, wie anderen großen Wegbereitern heute noch relevanter geisteswissenschaftlicher Strömungen (wie z.B. auch Rudolf Steiner mit der Anthroposophie), der Nachwelt eine Quelle an Wissen und Weisheit zu überlassen, aus der wir immer noch schöpfen.

Quelle: Anita Horn-Lingk: Einstieg in die Psycho-Physiognomik – Lehrbuch der ganzheitlichen  Menschenkenntnis, vertraudich Verlag 2015